(*1933)

Hiber Conteris wurde in der uruguayischen Stadt Paysandu geboren und wuchs in Montevideo auf, wo sein Vater in der Fleischindustrie beschäftigt war. Nach dem Literaturwissenschafts-Studium in Buenos Aires und Montevideo arbeitete er für die methodistische Kirche und publizierte Artikel im Wochenmagazin ‚Marcha‘, das 1974 verboten wurde. Von 1966 bis 1968 war er an der Pariser Sorbonne und erwarb dort einen Doktortitel in Literaturwissenschaft. Zurück in seiner Heimat, lehrte er Ideengeschichte an einer bedeutenden Universität.

Conteris war von 1968 bis 1970 Mitglied der revolutionären Nationalen Befreiungsbewegung, der MLN-Tupamaros. 1972 ging er für zwei Jahre ins freiwillige Exil nach Europa und arbeitete an der Université Catholique de Louvain in Belgien sowie in der deutschen Stadt Bielefeld, wo er für ein Rundfunkprogramm und verschiedene Zeitschriften Beiträge verfasste. 1976 wurde er von der Militärjunta verhaftet, gefoltert und zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Bis zu seiner Amnestierung 1985 sass er im Gefängnis für politische Sträflinge, das von den Militärs „Libertad“ genannt wurde. Seine einzige Lektüre während der Haft bestand aus Raymond Chandlers Romanen und Frank MacShanes Chandler-Biografie – Werke, die er schliesslich auswendig kannte. Nach mehreren Jahren erhielt er die Erlaubnis, selbst zu schreiben. Es resultierten der Krimi ‚Zehn Prozent für Marlowe‘ und weitere Romane, aber auch Theaterstücke und eine Reihe von Kurzgeschichten.

‚Zehn Prozent für Marlowe‘, angesiedelt im Los Angeles des Jahres 1956, ist ein waschechter Philip Marlowe-Krimi, in dem der Detektiv als Ich-Erzähler dem als Suizid getarnten Mord an Chandlers Literaturagent Yensid Andress auf den Grund geht. Auch Chandler wird (wenn auch nur am Rande) in den Fall involviert – eine hübsche, geschickt umgesetzte Idee. Der Roman spielt in der McCarthy-Zeit, als Kommunisten in Hollywood einem Berufsverbot unterstanden. Marlowe findet heraus, dass Andress auch einigen auf McCarthys schwarzer Liste stehenden Drehbuchautoren eine Chance geben wollte – musste er dafür mit dem Leben bezahlen? Abgerundet wird der Krimi durch einen „Chandler-Test“, ein kluges Nachwort des Krimiautors Robert Brack und eine längere Diskussion über Krimi-Detektive, die Chandler Mitten im Roman mit seinen ‚Black Mask‘-Kollegen John Butler, W.T. Ballard und Cleve Adams führt; sowie durch die herrliche Szene, in der sich Chandler und Marlowe zusammensetzen und ihr Verhältnis zueinander Revue passieren lassen (Marlowe ist in Conteris‘ Buch ein guter Bekannter des Krimiautors und zugleich Vorbild für dessen legendäre Romanfigur).

Hiber Conteris, dessen Sohn Marcos 24-jährig in Nicaragua im Kampf gegen die Contras gefallen ist, liess sich nach seiner Freilassung 1985 in den Vereinigten Staaten nieder, wo er zuerst an der University of Wisconsin in Madison spanisch-amerikanische Literatur unterrichtete. Anschliessend war er Leiter der Abteilung für Moderne Sprachen an der Alfred University in New York und danach, von 1997 bis 2006, Dozent für Spanische Literatur und lateinamerikanische Politikwissenschaften an der University of Arizona in Tucson. Neben seiner Lehrertätigkeit schrieb er Literaturkritiken, Sachbücher, Gedichte, Theaterstücke und Romane. 2006 kehrte er in sein Mutterland zurück. Sein letzter Roman ‚Cuarteto‘ ist 2007, sein letztes Bühnenwerk 2008 erschienen. Conteris lebt in Montevideo.

Bibliografie:

‚El Diez Por Ciento de Vida‘ – ‚Zehn Prozent für Marlowe‘ (1985).