(1933-2005)

Edward „Eddie“ Bunker kam am 31.12.1933 in einem schäbigen Teil Hollywoods zur Welt und wuchs auch dort auf. Seine Mutter war als Revuetänzerin, sein Vater als Bühnenarbeiter in der Filmmetropole tätig. Nach der frühen Scheidung der streitsüchtigen, sehr viel Alkohol trinkenden Eltern wuchs Edward bei Pflegefamilien, einer Tante und in verschiedenen Institutionen auf, riss immer wieder aus und geriet bereits mit zwölf auf die schiefe Bahn. Bankraub, Erpressung, Drogenhandel, Bandenkriminalität, Checkfälschung, bewaffneter Raubüberfall und Totschlag – Bunkers kriminelle Energie kannte keine Grenzen. Er landete mehrmals im Knast (unter anderem zweimal für mehrere Jahre in Amerikas brutalstem Gefängnis San Quentin, wo er mit siebzehn Jahren der jüngste Sträfling aller Zeiten war, und im gefürchteten Hochsicherheitsgefängnis von Marion in Illinois) und las sich dort durch die Bibliotheken, was ihn davor bewahrte, den Verstand zu verlieren. Als ihm eine Freundin eine Schreibmaschine schenkte, gab er sich im Zuchthaus mit Leidenschaft dem Schreiben hin. Er verfasste Essays über die Zustände im Knast, die in Zeitschriften wie ‚Harper’s Magazine‘ und ‚The Nation‘ abgedruckt wurden, sowie seine ersten Stories und Romane.

1973 veröffentlichte Bunker seinen ersten (semi-autobiografischen) Thriller ‚Wilder als ein Tier‘. Zwei Jahre später wurde er vorzeitig aus dem Zuchthaus entlassen – ein Wendepunkt in seinem Leben: Er beschloss, seiner Karriere als Verbrecher ein Ende zu setzen und seinen Lebensunterhalt fürderhin als Krimi- und Drehbuchautor und als Schauspieler in Los Angeles zu bestreiten – was ihm auch gelang. 1977 heiratete er die junge Anwältin Jennifer Steele, ihr gemeinsamer Sohn Brendan kam 1994 auf die Welt, doch die Ehe wurde später geschieden. Edward Bunker, ein langjähriger Diabetiker, starb 71-jährig in Burbank, Kalifornien, an den Folgen einer Gefässoperation.

Bunkers literarisches Vermächtnis besteht aus fünf harten, von einem qualvollen Lebenslauf zeugenden Krimis, den 1999 bzw. 2001 erschienenen Memoiren ‚Mr. Blue: Memoirs of a Renegade‘ und ‚Education of a Felon‘ und der Geschichtensammlung ‚Death Row Breakout and other stories‘. Seinen grössten Erfolg als Drehbuchautor hatte Bunker mit ‚Runaway Train‘, der finsteren Geschichte der Flucht zweier Häftlinge aus einem Hochsicherheitsgefängnis im winterlichen Alaska mit Jon Voight in der Hauptrolle. Als Schauspieler glänzte Bunker unter anderem in der Rolle des Mr. Blue in Tarantinos Kultfilm ‚Reservoir Dog‘.

‚Lockruf der Nacht‘, geschrieben während der Haft in den frühen 60ern, erstmals veröffentlicht unter dem Titel ‚Stark‘ im Jahr 2007, berichtet über die Leiden und Nöte des Ernie Stark, eines kleinen, miesen, an der Nadel hängenden Gauners in der kalifornischen Kleinstadt Oceanview. Der Cop Patrick Crowley stellt Ernie vor die Wahl: Mehrere Jahre Knast oder Spitzel in der örtlichen Drogenszene – er müsste der Polizei bloss seinen Kumpel Momo Mendoza, einen fetten hawaiischen, mit der schönen Dorie liierten und durch einen ultrabrutalen taubstummen Leibwächter beschützten Dealer, und dessen Chef ans Messer liefern. Doch Ernie will mehr, nämlich Dories Herz gewinnen und sich gleichzeitig im Drogenhandel zwischen Mexiko und Kalifornien eine goldene Nase verdienen. Die actiongeladene, stilistisch noch etwas unausgegorene Noir-Geschichte mündet in einen blutigen Showdown.

‚Ort der Verdammnis‘ spielt in San Quentin, wo Rassenhass und Paranoia, Messerstechereien und Kravalle den Alltag bestimmen. Ron Decker, jung und blendend aussehend, stammt aus gutem Haus und geniesst das Leben als erfolgreicher Dealer, bis er mit Marihuana und Kokain im Wert von 150’000 Dollar erwischt und zu mehreren Jahren Zuchthaus in San Quentin verurteilt wird. Er ist kaum dort eingetroffen, als ihn eine Chicano-Clique vergewaltigen und als Stricher abrichten will, doch Earl Copen, ein einflussreiches Mitglied der Knast-Organisation „Weisse Bruderschaft“ mit langjähriger San Quentin-Erfahrung, kommt ihm zu Hilfe und nimmt ihn dann unter seine Fittiche. Zwischen den ungleichen Häftlingen entwickelt sich eine tiefe Freundschaft – und die beiden setzen nun alles daran, zu entkommen aus dieser Welt, in der das Gesetz des Dschungels herrscht. ‚Ort der Verdammnis‘ ist eine faszinierende Reportage über die Zustände in einem Gefängnis, in dem Resozialisierung ein Fremdwort ist, aber auch eine berührende Darstellung von zwischenmenschlichen Beziehungen, wie sie selbst in diesem Klima des Grauens aufkeimen.

In seinem hoch realistischen, in einem kühlen, ja dokumentarischen Stil verfassten Spätwerk ‚Der letzte Coup‘ zeigt Bunker auf drastische Art, wie in Besserungsanstalten aus jugendlichen Delinquenten brutale Schwerverbrecher geformt werden. Troy Cameron, der gerissene Planer, Gerald McCain, völlig zu Recht „Mad Dog“ genannt, und Big Charley Carson, alias „Diesel“, kennen sich seit ihrer Teenagerzeit und haben den grössten Teil ihres Lebens in Anstalten und Gefängnissen verbracht. Doch jetzt, mit Ende dreissig endlich auf freiem Fuss, soll sich ihr Leben mit einem letzten Coup endgültig zum Guten wenden. Der zurzeit in Tijuana einsitzende mexikanische Drogenboss Chepe beauftragt die drei gegensätzlichen Knastbrüder, den einjährigen Sohn des Rauschgiftschmugglers Brennan zu entführen, denn dieser schuldet ihm 4 Millionen Dollar. Ihr Honorar, wenn alles klappt: Eine halbe Million zuzüglich der Hälfte dessen, was Brennan zahlt. Die Frage ist nur, ob Troy den unberechenbaren Psychopathen „Mad Dog“ in Schach halten kann.

Bibliografie:
‚No Beast so Fierce‘ – ‚Wilder als ein Tier‘ (1973), ‚The Animal Factory‘ – ‚Ort der Verdammnis‘ (1977), ‚Little Boy Blue‘ (1981), ‚Dog Eat Dog‘ – ‚Der letzte Coup‘ (1995), ‚Stark‘ – ‚Lockruf der Nacht‘ (2007).

++ Erstellt: Februar 2012 ++