(*1954)

Geboren und aufgewachsen in Zürich als Sohn einer Pianistin und eines Gymnasiallehrers, studierte Ulrich Schmid Geschichte, Englische Literatur und Politikwissenschaften an der Universität Zürich und am Virginia Tech in Blacksburg, Virginia (USA). Nach der Promotion zum Dr. phil. mit der Arbeit ‚Wahlkampffinanzierung in den USA und in der Schweiz‘ war er von 1984 bis 1987 Redakteur der Schweizerischen Depeschenagentur. Danach wechselte er zur NZZ, als deren Auslandredakteur er aus Afghanistan, der DDR und Sri Lanka berichtete. Seine anschliessende Tätigkeit als NZZ-Auslandkorrespondent führte ihn in alle Winkel der ehemaligen Sowjetunion (1991 bis 1995), nach Washington (1995 bis 1999), Peking (1999 bis 2002), Prag (2002 bis 2008), Berlin (2008 bis 2015) und Jerusalem (seit 2015). Schmid ist verheiratet und hat eine 1991 geborene Tochter.

1995 machte Schmid mit dem Sachbuch ‚Gnadenlose Bruderschaften. Der Aufstieg der Russen-Mafia‘ von sich reden. Fünf Jahre später liess er den Roman ‚Der Zar von Brooklyn‘ folgen. Im Mittelpunkt der anspruchsvollen, ein farbiges und detailreiches Bild der russischen Gesellschaft zeichnenden Geschichte steht der junge Moskauer Journalist Alexander Michailowitsch Zwetkow, genannt Sascha, der beauftragt wird, für seine Zeitschrift ‚Sputnik‘ einige nach New York ausgewanderte Russen zu porträtieren. In „Little Odessa“ (Brighton Beach, Brooklyn), wo hunderttausende Russen auf engstem Raum zusammenleben, trifft er auf den krebskranken Elektrohändler Gennadi Markow, einen früheren KGB-Agenten, der sich zur Zeit des grossen russischen Umbruchs mit 100 Millionen Dollar Schwarzgeld aus Moskau abgesetzt hatte. Als Markow (scheinbar durch Selbstmord) den Löffel abgibt, beginnt Sascha, ein schlauer, wenn auch etwas naiver und feiger Mann, in Markows Vergangenheit zu wühlen, taumelt in eine geheimdienstliche Intrige, wird bedroht, entführt und gefoltert, verliert Freundin und Job, wurstelt sich durch und bietet schliesslich Markows Gegenspieler Iwan Gubin, dem Vorstandsvorsitzenden einer russischen Holding, seine Dienste an.

In seinem zweiten Roman ‚Aschemenschen‘ behandelt Schmid ein trübes Kapitel der neueren Geschichte: Mengistu, 1977, drei Jahre nach dem Sturz von Kaiser Haile Selassie, in Äthiopien gewaltsam an die Macht gekommen, errichtete in seinem Land ein Regime, in dem Terror, Folter und Hinrichtungen zur Tagesordnung gehörten – beraten und tatkräftig unterstützt von der DDR-Staatssicherheit. Schmid lässt den Roman in der Unruheprovinz Xinjiang beginnen, wo sich die muslimischen Uiguren – die so genannten Aschemenschen – mit terroristischen Aktionen gegen die chinesischen Besatzer auflehnen. Drei gegensätzliche Menschen treffen dort aufeinander: Die Schweizer Ex-Bankerin Erla Weder, eine etwas exaltierte Frau Anfang dreissig, die eine spezielle Art von Abenteuertourismus – Scheinentführung mit ein wenig Peinigung – anbietet; ihr 64-jähriger Kunde Gerd Wohlfahrt aus der ehemaligen DDR, ein Widerling mit Vergangenheit als Folterberater in Äthiopien, der eigentlich in die chinesische Randprovinz gekommen ist, um seinem hier archäologisch tätigen Zwillingsbruder Jakob Fotos zu entreissen, die von seiner Vergangenheit als Folterknecht zeugen; und der sympathische chinesische Unternehmer Xin, der die Entführung ernst nimmt und Wohlfahrt zu dessen Ärger befreit. Dann verschwindet Xins halbwüchsige Tochter Xiao Fei, Xin, Erla und Wohlfahrt machen sich auf die Suche nach ihr – und begegnen Jonas Tefera, einen in Europa lebenden Äthiopier, der vor dreissig Jahren in ein Folterlager verschleppt worden ist und jetzt in China weilt, um sich an seinen Peinigern – unter ihnen Wohlfahrt – zu rächen (Schmid hat ihn 1999 in Peking zufällig getroffen). Mit grossem Geschick vermischt der Autor Fiktion und Fakten zu einem faszinierenden, vielschichtigen, in einer bilderreichen Sprache erzählten Roman, in dem die Grenzen zwischen Gut und Böse immer unschärfer werden.

Bibliografie:

‚Der Zar von Brooklyn‘ (2000), ‚Aschemenschen‘ (2006).