(*1931; schreibt auch als Harry Longbaugh und Simon Morgenstern)

Geboren und aufgewachsen in Highland Park bei Chicago als Spross einer jüdischen Familie, studierte William Goldman am Oberlin College, Ohio, und dann an der Columbia University, New York, mit einem Master-Abschluss 1956. Er hatte bereits fünf Romane und (gemeinsam mit seinem älteren Bruder, dem Bühnen- und Drehbuchautor James Goldman) drei Broadwaystücke verfasst, als ihm Ende der 60er-Jahre der grosse Durchbruch als Drehbuchautor (‚Butch Cassidy and the Sundance Kid‘, ‚All the Presidents Man‘, ‚Absolute Power‘ usw.) gelang.

Goldmans weitaus bekanntester Krimi ist (nicht zuletzt aufgrund der Verfilmung, zu der er auch das Drehbuch beisteuerte) ‚Der Marathon-Mann‘ – die Szene, in der ein alter Nazi dem Langstreckenläufer „Babe“ ein Loch in den Zahn bohrt, bleibt fest im Gedächtnis haften.

Neben seinen Drehbüchern und vier Krimis schrieb Goldman ein Kinderbuch, Essays, Sachbücher, Hollywood-Memoiren (‚Adventures in the Screen Trade‘, 1983), Sciencefiction-, Fantasy- und andere Romane, teilweise unter den Pseudonymen Simon Morgenstern und Harry Longbaugh (dem angestammten Namen des legendären Sundance Kid). Er lebt in Manhattan und hat zwei Töchter aus seiner 1991 nach dreissig Jahren geschiedenen Ehe mit Ilene Jones.

‚Der Marathonmann‘, ein temporeicher Thriller mit überraschenden Wendungen, erzählt die Geschichte des Historikers Thomas Babington „Babe“ Levy, der in New York an seiner Doktorarbeit arbeitet und jeden Tag für seinen Traum, einen Sieg in einem Marathonlauf, trainiert. Unter tragischen Umständen verwaist, vergöttert er seinen zehn Jahre älteren Bruder Henry, den er „Doc“ nennt und von dem er glaubt, er sei im Öl-Business reich geworden. Doch dann wird Doc von einem kahlen, stiernackigen Mann mit dem Messer aufgeschlitzt – und verblutet kurz danach in Babes Armen. Der Täter ist ein hochintelligenter und brandgefährlicher Nazi-Zahnarzt namens Szell, der in Auschwitz als Mengeles Protegé jüdische Gefangene um ihre Diamanten brachte, nach dem Krieg in Lateinamerika untertauchte, die Diamanten jedoch in einem New Yorker Schliessfach zurückliess und jetzt in die USA zurückkehrt ist, um seine Beute in Bargeld umzuwandeln. Und Szell vermutet, dass der sterbende Doc seinen Bruder noch über die Bedeutung der Diamanten aufklären konnte, denn Doc war nicht Geschäftsmann, sondern, unter dem Decknamen Scylla, Mitglied einer amerikanischen Geheimorganisation, der „Division“, die für Szell Kurierdienste leistete und dafür mit Informationen über den Verbleib gesuchter Nazi-Schergen entschädigt wurde. Babe wird in die Enge getrieben und gefoltert (Zahnarztszene!), weiss nicht mehr, wem er trauen kann – und entwickelt ungeahnte Lauf- und Kampfkräfte.

Zwölf Jahre später überraschte Goldman seine Leser mit ‚Die Brüder‘, einer Art Fortsetzung seines Erfolgsromans (die beiden Bücher haben jedoch nur wenig miteinander zu tun) – und Scylla weilt wieder unter den Lebenden: Er konnte nach der Messerattacke des Nazis in letzter Sekunde gerettet werden, und die Chirurgen formten ihn zu einem perfekten Instrument der Geheimdienste: Sie entfernten seine Fingerkuppen, veränderten seine Stimmbänder und verpasstem ihm ein neues Gesicht. Danach versteckte ihn die „Division“ jahrelang auf einer einsamen Insel, doch jetzt wird er reaktiviert, um den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Babe Levy, inzwischen glücklich mit der schönen und hoch begabten Forscherin Melissa verheirateter Geschichtsprofessor an der Columbia University, ist diesmal nur in einer peripheren Rolle involviert. ‚Die Brüder‘ ist ein geschickt gebauter, aus vielen Perspektiven erzählter und an gewalttätigen Szenen reicher Krimi, in dem eine Gruppe von fanatischen Geheimagenten und Wissenschaftlern eine neue, von Grossbritannien beherrschte Weltordnung anstrebt – ein doch eher wirklichkeitsfernes Szenario (oder nimmt Goldman das Genre des Superagententhrillers auf die Schippe?). Eine schockierende Pointe beschliesst den Roman.

Bibliografie:

‚No Way to Treat a Lady‘ – ‚So behandelt man keine Dame‘ (1964), ‚Heat‘ (auch unter dem Titel ‚Edged Weapons‘) – ‚Fieber‘ (1985);

Babe & Doc-Romane: ‚Marathon Man‘ – ‚Der Marathon-Mann‘ (1974), ‚Brothers‘ – ‚Die Brüder‘ (1986).