(Pseudonym für Ronald Moreau, 1947-2008)

Frédéric H. Fajardie wurde als Sohn einer Arbeiterin und eines Buchhändlers geboren und wuchs mit seinen drei Schwestern in einem Pariser Arbeiterviertel auf. Mit fünfzehn musste er die Schule verlassen, um seinem an den Folgen eins Unfalls leidenden Vater im Buchladen zu helfen. Später ging er dann doch noch an die Uni und studierte Geschichte, moderne Sprachen, Soziologie und Philosophie. In dieser Zeit war er in der extrem gewalttätigen maoistischen Gruppierung ‚Gauche prolétarienne‘ organisiert. 1974 lernte er seine zukünftige Frau Francine kennen, die damals im Justizministerium arbeitete und ihn zum Schreiben animierte. Ein Jahr später verfasste er seinen ersten Roman ‚Der maskierte Tod‘.

Fajardies im deutschsprachigen Raum sträflich vernachlässigtes Prosawerk besteht aus 21 Krimis (darunter 6 mit Fajardies alter Ego, dem Pariser Kommissar Antonio Corrado Padovani), 16 anderen, zum Teil historischen Romanen, über 300 Erzählungen, 5 Jugendbüchern, zahlreichen Essays, Pamphleten und Aphorismen sowie über 80 Theaterstücken. Zentrales Thema des zeit- und sozialkritischen Autors war die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus dem Blickwinkel der linksradikalen Bewegung – Erster Weltkrieg, spanischer Bürgerkrieg, Vichy-Regierung, Résistence und Befreiung, 68er-Bewegung und schliesslich die bleierne Mitterand-Zeit.

Als Anhänger von Karl Marx und des antifaschistischen Autors Georges Bernanos veröffentlichte Fajardie 1993 das wütende Sachbuch ‚Chronique d’une liquidation politique‘, in dem er Arroganz, Geldgier und Machthunger der regierenden Sozialisten dermassen scharf attackierte, dass er (damals ein gefragter Drehbuchautor für Film und Fernsehen) Opfer eines Berufsverbots wurde und ihn die Presse während Jahren ignorierte. In seinen Erzählungen und seinen in der linken Tageszeitung ‚L’humanité‘ publizierten Artikeln rechnete Fajardie dann mit seinen Gegnern ab. Am 1. Mai (!) 2008 erlag er an seinem langjährigen Wohnsitz im Quartier Latin einem Krebsleiden.

‚Der maskierte Tod‘, der erste Band der Kommissar Padovani-Serie, ist eine furiose, bluttriefende Parabel auf Unmenschlichkeit und Chaos der modernen Gesellschaft. Er dreht sich um drei durchgedrehte, in verschiedenen Kostümen auftretende „Rächer der Erniedrigten“, die mit Macheten, Ahlen und anderen Werkzeugen reihenweise Polizisten und Justizbeamte massakrieren. Kommissar Padovani, ein linksradikaler Flic italienischer Abstammung (sein Vater kämpfte gegen Franco und später gegen die Nazis), wird mit dem Fall betraut – und schlägt hart zurück, als die „Rächer“ seinen besten Freund Inspektor Ben Ghozi erstechen.

Im autobiografisch gefärbten Roman ‚Rote Frauen werden immer schöner‘ steht der 20-jährige Freddy (eigentlich heisst er, wie sein Erfinder, Frédéric) im Mittelpunkt, ein proletarischer Linker, der es im Gegensatz zu seinen feinsinnigen Kumpeln mit der Revolution ernst meint. Er erschiesst 1968 einen Flic aus Notwehr, muss seine Heimat verlassen und verbringt lange Jahre in verschiedenen Befreiungsbewegungen, bis er Ende der 80er-Jahre in Mitterands pseudo-sozialistisches Frankreich zurückkehrt – und sich auf die Suche nach seiner grossen Liebe macht, nach Francine, die er seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hat.

Bibliografie:

Kommissar Padovani-Serie: ‚Tueurs de flic‘ – ‚Der maskierte Tod‘ (1979), ‚La théorie du 1%‘ (1979), ‚Le souffle court‘ (1980), ‚Polichinelle mouillé‘ (1982), ‚Patte de velours‘ (1993), ‚Full Speed‘ (2004);

Einzelwerke: ‚La nuit des chats bottés‘ (1979), ‚Querelleur‘ (1979), ‚Gentil, Faty !‘ (1979), ‚Sniper‘ (1980), ‚L’adieux aux anges‘ (1981), ‚Bleu de méthylene‘ (1981), ‚Au dessus de l’arc-en-ciel‘ (1982), ‚Le faiseur de nuées‘ (1983), ‚Clause de style (1983), ‚Brouillard d’automne‘ (1984), ‚Les enfants de lune‘ (1986), ‚Jeunes femmes rouges toujours plus belles‘ – ‚Rote Frauen werden immer schöner‘ (1988), ‚Sous le regard des élégantes‘ (1996), ‚Après la pluie‘ (1996), ‚Reines dans la ville‘ (1997), ‚Les hauts vents‘ (1998), ‚Tu ressembles à ma mort‘ (2007).