(Kürzel für Charles Ray Willeford III, 1919-1988; schrieb auch als Will Charles)

Charles Willeford, geboren in Little Rock, Arkansas, Vollwaise mit acht, wuchs zuerst in Internaten, später in Los Angeles bei seiner in Grossmutter auf und landete als 14-Jähriger auf der Strasse. Mit sechzehn ging er mit gefälschten Papieren zum Militär – der Beginn einer langen Laufbahn als Berufssoldat. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er als Panzerkommandant in Pattons Armee vornehmlich auf europäischen Schauplätzen. Er wurde mehrmals verwundet und ausgezeichnet, unter anderem mit dem ‚Purple Heart‘. Nebenberuflich schrieb er Gedichte und Stories, 1953 debütierte er als Romanautor. Nach etlichen privaten (Scheidung, Depressionen) und beruflichen Tiefschlägen ging er 1954 nach Palm Beach, Florida. 1956 schied er aus der Armee aus. Er arbeitete als Boxer, Radiosprecher, Pferdetrainer und Schauspieler und machte eine kurze Ausbildung in Malerei in Paris, bevor er drei Jahre Philosophie und Englische Literatur an der University of Miami studierte, mit einem Master-Abschluss 1964. In dieser Zeit war er auch Redakteur bei Alfred Hitchcocks Kriminalmagazin und Krimikritiker des ‚Miami Herald‘. Von 1968 bis 1985 unterrichtete er Anglistik und Philosophie an der University of Miami.

In seinem ersten Roman ‚Der Hohepriester‘ erzählt Willeford die kaputte Beziehung zwischen Russel Haxby, einem schmierigen Gebrauchtwagenhändler und hinterhältigen Manipulator, und der spröden, naiven Alyce Vitale. Russel will Alyce um jeden Preis ins Bett bekommen, selbst wenn er dazu ihren pflegebedürftigen Ehemann, dessen Gehirn von der Syphilis zerfressen ist, endgültig ins Verderben stürzen muss – und ihm eigentlich gar nichts an Alyce liegt.

Bis 1962 veröffentliche er fünf weitere Romane. Nach einer neunjährigen Schreibpause folgte ‚Ketzerei in Orange‘, der manchen Kritikern als Willefords bestes Einzelwerk gilt; eine Noir-Geschichte mit satirischen Elementen um den skrupellosen, geld- und machtgierigen Kunstkritiker James Figueras, der vor Diebstahl und Brandstiftung nicht zurückschreckt – und schliesslich sogar einen Mord begeht, um seine Ziele zu erreichen.

Wenige Jahre vor seinem Tod gelang Willeford mit der Hoke Moseley-Tetralogie endlich doch noch der längst verdiente literarische Durchbruch. Hoke Moseley, Detective Sergeant bei der Mordkommission des Miami Police Department, knapp über vierzig, geschiedener Vater von zwei Töchtern, übergewichtiger, fast kahler Träger eines schlecht sitzenden künstlichen Gebisses, ist ein faszinierender, gebrochener Mann, der nach der Scheidung längere Zeit in einem heruntergekommenen Hotel lebte.

‚Miami Blues‘ schildert in knappem Stil den Zweikampf zwischen Hoke und dem muskelbepackten, eben erst aus dem Knast entlassenen Soziopathen Freddy J. Frenger, genannt Junior, den der Bulle nach mitreissendem Katz-und-Maus-Spiel knapp für sich entscheidet.

Im zweiten Hoke-Roman ‚Neue Hoffnung für die Toten‘ muss der finanziell gebeutelte Protagonist, der den gewaltsamen Tod eines kleinen Junkies aufklären soll, bös unten durch: Sein Vorgesetzter knallt ihm fünfzig alte ungelöste Mordfälle auf das Pult; seine aufgeweckten Teenager-Töchter, Sue Ellen und Aileen, stehen eines Tages vor der Tür und wollen bei ihm wohnen; seine kubanisch-stämmige Partnerin Ellita Sanchez, die, als sie schwanger wird, nicht mehr im Haus ihres Vaters bleiben darf, nistet sich ebenfalls beim leicht überforderten Hoke ein; und dann will ihm erst noch die schöne und reiche Stiefmutter des toten Junkies an die Wäsche, ausgerechnet ihm, der seit endlosen Monaten keinen Sex mehr gehabt hat. Doch Hoke zieht sich letztlich bravourös aus der Affäre.

‚Seitenhieb‘ hat zwei Hauptstränge, in denen zwei vom Leben gebeutelte Männer   im Mittelpunkt stehen. Zum einen der alte Stanley, der zu Unrecht im Gefängnis landet, weil ihm eine frühreife neunjährige Göre einen üblen Streich spielt; Stanley wird zwar rehabilitiert, doch sein Leben ist aus den Fugen geraten. Er freundet sich mit dem psychopathischen Berufsverbrecher Troy Louden an, den er im Knast kennen gelernt hat – das Verhängnis nimmt nun seinen Lauf. Die zweite Hauptfigur ist Hoke Moseley, der, plötzlich an „Gefechtsmüdigkeit“ (bzw. Burnout) erkrankt, beschliesst, sein Leben zu vereinfachen, den Bettel – Job, Kinder, Ellita, Haus in Miami – hinzuwerfen und ein geruhsames Leben in der Nähe seines betuchten Vaters in Rivera Beach zu führen. Erst ganz am Schluss, nach einem von Troy durchgeführten, ungemein blutigen Überfall auf einen Supermarkt, prallen Hoke und Stanley aufeinander.

Den Höhepunkt von Willefords literarischem Werk bildet der die Hoke Moseley-Reihe beschliessende Roman ‚Wie wir heute sterben‘. Hoke, der noch immer mit seinen halbwüchsigen Töchtern und der nach der Geburt beurlaubten Polizistin Ellita Sanchez zusammenlebt und sich mit seinen „kalten“ Fällen herumschlägt, erhält einen Undercover-Auftrag: Er soll aufklären, weshalb in Südflorida illegale haitianische Arbeitskräfte spurlos verschwinden. Getarnt als Landarbeiter dringt er in die archaische Sumpflandschaft ein, nimmt das Gesetz in seine Hand und räumt auf. Um bei seiner Rückkehr in Miami feststellen zu müssen, dass Ellita und seine Töchter sich auf einer Kreuzfahrt befinden – einer Kreuzfahrt mit Donald Hutton, den Hoke einst hinter Gitter gebracht hatte, und der ihm daraufhin Rache schwor; und dass er von seinen Vorgesetzten auf fieseste Art hereingelegt wurde. In diesem komplexen, mit viel schwarzem Humor erzählten Alterswerk kommen Willefords Stärken noch einmal vortrefflich zum Tragen: Er ist ein Meister des authentischen Dialogs und des inneren Monologs, der präzisen Schilderung von Haupt- und Randfiguren, des Tempo- und Perspektivenwechsels; und er fügt seine Erzählstränge sowie unzählige – wie nebenbei erwähnte – Details auf unaufgeregte Weise zu einem harmonischen Ganzen zusammen.

Neben seinen Krimis verfasste Willeford die Kurzgeschichtensammlung ‚The Machine in Ward Eleven‘ (1963), zahlreiche Gedichte, Essays und autobiografische Texte, zwei sehr unterschiedliche Sachbücher – das eine über seine Hämorrhoiden-Operation (!), das andere über den Kriminalfall David Berkowitz alias „Son of Sam“ – sowie einige nicht dem Krimigenre zuzurechnende Romane, darunter der mit Will Charles gezeichnete Western ‚The Hombre from Sonora‘. Mit 69 Jahren erlitt Willeford in Miami einen plötzlichen Herztod, sein Leichnam wurde auf dem Heldenfriedhof Arlington in Washington begraben.  Der kinderlose Autor hinterliess seine dritte Frau Betsy Poller, mit der er seit 1981 verheiratet war. In seinem Todesjahr sind die zweiteiligen Memoiren (‚Something About a Soldier‘ und ‚I Was Looking for a Street‘) herausgekommen.

Bibliografie:

Einzelwerke: ‚High Priest of California‘ – ‚Der Hohepriester‘ (1953), ‚Pick Up‘ – ‚Sperrstunde‘ (1955), ‚The Black Mass of Brother Springer‘ (auch unter dem Titel ‚Honey Gal‘) – ‚Die Schwarze Messe‘ (1958), ‚The Woman Chaser‘ (1960), ‚Whip Hand‘ (auch unter dem Titel ‚Deliver Me From Dallas!‘, gemeinsam mit W. Franklin Sanders, 1961), ‚Cockfighter‘ – ‚Hahnenkampf‘ (auch unter dem Titel ‚Hahnenkämpfer, 1962), ‚The Burnt Orange Heresy‘ – ‚Ketzerei in Orange‘ (auch unter dem Titel ‚Die Kunst des Tötens‘, 1971), ‚Kiss Your Ass Good-Bye‘ – ‚Miami Love‘ (1987), ‚The Shark-Infested Custard‘ – ‚Playboys in Miami‘ (1993);

Hoke Moseley-Tetralogie: ‚Miami Blues‘ – ‚Miami Blues‘ (1984), ‚New Hope for the Dead‘ – ‚Neue Hoffnung für die Toten‘ (auch unter dem Titel ‚Auch die Toten dürfen hoffen‘, 1985), ‚Sideswipe‘ – ‚Seitenhieb‘ (1987), ‚The Way We Die Now‘ – ‚Wie wir heute sterben‘ (auch unter dem Titel ‚Bis uns der Tod verbindet‘, 1988).

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