(*1934)

Rick DeMarinis kam in New York City zur Welt. Seine Eltern liessen sich scheiden, als er drei war. Nach der zweiten Heirat seiner Mutter wuchs er bei ihr und dem Stiefvater in Los Angeles auf. Er machte einen Abschluss in Englisch an der University of Montana in Missoula und unterrichtete anschliessend Kreatives Schreiben an verschiedenen Provinzuniversitäten – University of Montana, San Diego State University, Arizona State University, University of Texas in El Paso. Nebenberuflich verfasste er Kurzgeschichten und Romane.

Nach seiner Emeritierung liess er sich in Missoula nieder. DeMarinis war mit dem grossen, vom Publikum verschmähten, 2008 in Missoula verstorbenen Krimiautor James Crumley befreundet – und auch ihm blieb der literarische Erfolg bisher verwehrt: Trotz acht Romanen, von denen einzig ‚Kaputt in El Paso‘ und ‚Götterdämmerung in El Paso‘ astreine Krimis sind, und sechs Bänden mit Kurzgeschichten kam DeMarinis bisher nicht über den Status eines Geheimtipps hinaus.

Uriah „Uri“ Walkinghorse ist der einprägsame Held in DeMarinis‘ furiosem, im texanisch-mexikanischen Grenzgebiet spielendem roman noir ‚Kaputt in El Paso‘. Der gescheiterte Mathematiklehrer und ehemalige Bodybuilder ist 42-jährig, frisch geschieden und vereinsamt. Er verrichtet den öden Hausmeisterjob in einem schäbigen Block in El Paso (verstopfte Toiletten, Kakerlaken, Vandalismus, Ruhestörung, säumige Mieter) und darf dafür gratis ein kleines Appartment bewohnen. Aufgewachsen war er – wie seine vier ebenfalls elternlosen Halbgeschwister – bei den Adoptiveltern Maggie und Sam. Und dieser, ein ehemaliger Pfarrer, ist jetzt an einem Hirntumor erkrankt, verweigert die Behandlung und liegt, von religiösen Wahnvorstellungen befallen, im Sterben. Uri soll ihn ins Gebet nehmen – und sich überdies um seinen ältesten Halbbruder Moses (Sam versah alle Adoptivkinder mit biblischen Namen) kümmern, der seit Jahren ein Junkie-Dasein fristet. Gleichzeitig gewinnt auch Walkinghorses Berufsleben an Schwung: Für 200 Dollar pro Nacht verhilft er als maskierter „Henker“ den betuchten Kunden eines SM-Studios zu einem Extrakick – ein Job, den er dem etwas seltsamen Ehepaar Farnsworth verdankt. Doch schon sein zweiter Einsatz geht gründlich schief: Der Studiogast, ein hoch angesehener Bankier namens Clive Renseller, stirbt an einem Herzinfarkt, Walkinghorse, hilfsbereit, schafft die Leiche fort – und landet alsbald mit Rensellers junger Witwe Jillian im Bett. Wenig später aber wird er von mexikanischen Drogenhändlern entführt, denn der tote Bankier war ihr Geldwäscher, und Walkinghorse weiss vielleicht zuviel.

‚Kaputt in El Paso‘, meisterhaft komponiert, in einer kraftvollen Sprache erzählt und mit facettenreichen Charakteren bevölkert, ist die Geschichte einer bunt zusammengewürfelten, dysfunktionalen Familie und die Geschichte des gutmütigen, jedoch nicht zu unterschätzenden Ich-Erzählers Uriah Walkinghorse, der dieser Familie angehört; der in einen Schlamassel gerät, dennoch seinen eigenen Weg geht, beinahe die Liebe findet – und in einer kaputten Umgebung vielleicht ein besserer Mensch wird.

Bibliografie:

‚Sky Full of Sand‘ – ‚Kaputt in El Paso‘ (2003), ‚Virgin in the Woodworks‘ – ‚Götterdämmerung in El Paso‘ (2012; im Original bisher nicht erschienen).