(Pseudonym für Robert William Arthur Cook, 1931-1994)

Robert William Arthur „Robin“ Cook, geboren in London, aufgewachsen dort und ab 1937 in einem Landhaus in Kent als Sohn gutbürgerlicher Eltern (der Vater war ein millionenschwerer Textilfabrikant und besass mehrere Geschäfte), hatte drei ältere Halbbrüder und einen jüngeren Bruder. 1944 wurde er in Eton eingeschult, verliess die Eliteschule jedoch fluchtartig im Alter von sechzehn, um (nach Ableisten des Militärdienstes und einem scheusslichen Intermezzo im väterlichen Betrieb) Erfahrungen auf der Strasse zu sammeln – der rebellische junge Mann empfand das Elternhaus, Eton und die Armee als Einrichtungen zur Gehirnwäsche und verabscheute das britische Klassensystem zutiefst.

Cook verbrachte die erste Hälfte der 50er-Jahre in Paris, lebte dort im ärmlichen „Beat Hotel“ und traf auf Allen Ginsberg, William S. Burroughs und andere Beatniks. Danach hing er vier Jahre im faschistischen Spanien ab. Er schuggelte Bilder, Autos und Tonbänder und landete im Knast, nachdem er sich in einer Bar lautstark über General Franco ausgelassen hatte. Ende der 50er-Jahre, während eines Aufenthalts in New York City, heiratete er ein erstes Mal, doch die Ehe hielt nur zwei Monate. Zurück in England, trieb er sich zunächst in der Londoner Halbwelt rum. Er arbeitete unter anderem für Charlie Da Silva, einen Gangster aus dem Dunstkreis der Brüder Kray, und trat als Organisator von illegalem Glücksspiel in Erscheinung. In dieser Zeit lernte er nicht nur die Methoden der organisierten Kriminalität, sondern auch jene der Polizei am eigenen Leibe kennen, Erfahrungen, die er dann in seinen Romanen verarbeitete.

Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in der Toskana, wo er in einer anarchistischen Kommune lebte, kehrte Cook 1970 nach London zurück. Weil er von seinen Büchern nicht leben konnte (auch ein kurzer Versuch als Pornoproduzent brachte nicht den erhofften Ertrag), musste der zum dritten Mal verheiratete Vater zweier Kinder sein Brot als Nachttaxifahrer verdienen. 1974 liess er sich im südfranzösischen Städtchen Aveyron in einem baufälligen Turm aus dem 15. Jahrhundert nieder und legte die Schriftstellerei für fünf Jahre aufs Eis, um sich als Dachdecker, Fahrer und Weinbauer durchzuschlagen. 1979 begann er wieder zu schreiben, und 1984 veröffentlichte er unter dem Nom de plume Derek Raymond seinen ersten Noir-Roman (Teil 1 der Factory-Serie), der ihm in in seiner Wahlheimat, nicht jedoch im angloamerikanischen Raum, zum Durchbruch verhalf. Das Pseudonym nahm er an, um nicht mit zwei gleichnamigen Männern – dem amerikanischen Medical-Thriller Autor und dem englischen Politiker – verwechselt zu werden, in Frankreich zeichnete er seine Bücher jedoch weiterhin mit Robin Cook.

Im Zentrum von Cooks/Raymonds literarischem Werk steht die grandiose fünfbändige Serie um einen namenlosen Detective Sergeant des Dezernats „ungeklärte Todesfälle A14“ der „Factory“, einer von Korruption geprägten fiktiven Polizeiabteilung im Londoner West End, die sich mit Morden befasst, die die untersten Schichten (Huren, Junkies usw.) betreffen. Der Ich-erzählende Sergeant, ein einzelgängerischer, unbestechlicher Polizist Anfang vierzig, dessen psychopathische Frau Edie vor einigen Jahren die gemeinsame Tochter, die neunjährige Dahlia, in geistiger Umnachtung ermordet hat und seither in einer geschlossenen Anstalt lebt, war eine Zeit lang vom Dienst suspendiert, nachdem er einen Vorgesetzten verprügelt hatte, wurde jedoch später reaktiviert, weil er sich wie kein Zweiter in Opfer einfühlen kann und den Verbrechern mit einer ungeheuren Besessenheit zu Leibe rückt, was natürlich mit dem Tod seiner Tochter zusammenhängt. Er bewegt sich stets am Rande des Abgrunds in einer von Hass und Irrsinn, Verzweiflung und Gewalt geprägten Umgebung.

Hervorstechend: Der vierte Band ‚Ich war Dora Suarez‘, eine verstörende, ultrabrutale, an abstossenden Details reiche Geschichte um die Ermordung der jungen Aids-kranken Prostituierten Dora Suarez, die auf drei getrennten authentischen Fällen beruht; eine höchst realistische Darstellung einer trostlosen und verrotteten Welt, einer verfallenden grossstädtischen, durch Margaret Thatchers Sozialdarwinismus gelenkten Gesellschaft. Zusammen mit James Johnston und Terry Edwards von der Rockgruppe ‚Gallon Drunk‘ spielte Cook 1993 die Platte ‚I Was Dora Suarez‘ ein, auf der der Autor, instrumental begleitet von den beiden Musikern, aus seinem Roman vorliest.

‚Wie die Toten leben‘, Teil 3 der Factory-Serie, handelt von der grossen, tragischen, jedoch fehl geleiteten Liebe des älteren Arztes William Mardy zu seiner schwer erkrankten Frau Marianne, einer Liebe, aus der ein übles, parasitäres Pack Profit zu schlagen versucht.

Das Einzelwerk ‚Alptraum in den Strassen. Ein Paris-Thriller‘ ist vielleicht das hoffnungsloseste und traurigste Prosastück der gesamten Spannungsliteratur. Es handelt von Kleber, einem charakterfesten Zivilpolizisten in Paris, dessen Leben aus den Fugen gerät, als er einem alten Kumpel, der auf die schiefe Bahn geraten ist, einen Gefallen erweist. Er gerät ins Visier einer kriminellen Organisation, die sich an ihm rächt, indem sie seine heissgeliebte Ehefrau ermordet.

Kurz vor seinem Tod konnte der Autor noch seinen letzten Roman beenden: ‚Roter Nebel‘, ein düsteres und zorniges Epos um den Schwerverbrecher Gust, der nach zehn Jahren Knast noch einmal gross absahnen will und dabei, ohne es zu merken, in eine undurchsichtige Geheimdienstaffäre gerät. Als seine Freundin von einer Killertruppe zu Tode geprügelt wird, hat Gust nur noch den Gedanken an Rache im Kopf. Rasche szenische Schnitte, scharfe, authentische Dialoge und ergreifende innere Monologe kennzeichnen das posthum erschienene Werk.

Robin Cook – „The Godfather of British Noir“ – war dem Vernehmen nach ein durchaus lebensfroher, humorvoller und optimistischer Mensch. Seine fünf Ehen – die letzte mit der französischen Filmemacherin Agnès Bert – wurden geschieden. 1992 publizierte er seine grossartigen Memoiren ‚Die Verdeckten Dateien‘ (‚The Hidden Files‘), eine bunte Mischung aus Autobiografie und Betrachtungen zum Roman noir. Knapp zwei Jahre später, mit 63, erlag er in London einer Krebserkrankung. Er hinterliess seinen Sohn Sebastian und seine Tochter Zoe.

Bibliografie:

Als Derek Raymond:

Factory-Serie: ‚He Died with His Eyes Open‘ – ‚Er starb mit offenen Augen‘ (1984), ‚The Devil’s Home on Leave‘ – ‚Der Teufel hat Heimaturlaub‘ (1985), ‚How the Dead Live‘ – ‚Wie die Toten leben‘ (1986), ‚I Was Dora Suarez‘ – ‚Ich war Dora Suarez‘ (1990), ‚Dead Man Upright‘ – ‚Profil eines Serienmörders‘ (im deutschen Sprachraum als Robin Cook, 1993);

Einzelwerke: ‚Nightmares in the Street‘ – ‚Alptraum in den Strassen‘ (1989), ‚Not Till the Red Fog Rises‘ – ‚Roter Nebel‘ (1994).

Als Robin Cook:

‚The Crust in Its Uppers‘ (1962), ‚Bombe Surprise‘ (1963), ‚A State of Denmark‘ (1964), ‚The Legacy of the Stiff Upper Lip‘ (1966), ‚Public Parts and Private Places‘ (auch unter dem Titel ‚Private Parts in Public Places‘, 1967), ‚The Tenants of Dirt Street‘ (1971), ‚Le Soleil qui s’éteint‘ (französische Übersetzung des im Original nicht veröffentlichten Romans ‚Sick Transit‘, 1982).