(Pseudonym für Joseph Damiani, 1923-2004)

José Giovanni, geboren in Paris als Spross korsischer Eltern (der Vater war ein international bekannter Pokerspieler, während die Mutter das Roulette-Spiel bevorzugte), aufgewachsen dort und in der französischen Bergwelt, in Tours bei Chamonix, wo seine Familie ein kleines Hotel gepachtet hatte, absolvierte das Lycée Janson-de-Sailly in Paris, blieb dann jedoch ohne Berufsabschluss. Er arbeitete zeitweise im elterlichen Betrieb, daneben als Holzfäller und Bergführer, und war aktives Mitglied der Résistence, bis er kurz vor Kriegsende inhaftiert wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Giovanni nach Paris zurück und geriet unter dem Einfluss seines Onkels, seines älteren Bruders und von Gefängnis-Kumpanen schon bald auf die schiefe Bahn. Als bei einem missglückten Einbruch drei Personen ums Leben kamen, wurde er zum Tod verurteilt, auf Betreiben seines Vaters jedoch nach bangen Zeiten begnadigt. Während des gut zehnjährigen Gefängnisaufenthalts begann er zu schreiben. Im Dezember 1956 kam er auf freien Fuss.

Giovanni veröffentlichte 22 Romane (darunter etliche Romanfassungen seiner Drehbücher), 33 Drehbücher und die Erinnerungsbände ‚Il avait dans le coeur des jardins introuvables‘ (1995) und ‚Mes grandes gueules‘ (2002) und setzte sich darüber hinaus als Regisseur für Film (‚La rapace‘, ‚Dernier domicile connu‘, ‚La scoumoune‘, ‚Deux hommes dans la ville‘, ‚Le Gitan‘, ‚Le Ruffian‘) und Fernsehen in Szene.

Höhepunkte seines schriftstellerischen Schaffens sind die atmosphärisch dichten Gangsterballaden ‚Der zweite Atem‘ (‚Le deuxième souffle‘, von Jean-Pierre Melville mit Lino Ventura in der Hauptrolle des Gangsters Gu Minda verfilmt), und ‚Das Ende vor Augen‘ aus der so genannten Gangster-Trilogie sowie der von eigenen Erlebnissen inspirierte Gefängnisausbruch-Roman ‚Das Loch‘. Den Politthriller ‚Wölfe unter sich‘ verfasste er gemeinsam mit dem bei uns unbekannten Autor Jean Schmitt.

Ehrenkodex und Treue, Rache und Verrat sind die zentralen Themen in Giovannis schlakenlosen, von einer melancholischen Stimmung durchdrungenen Spannungsromanen, deren sich am Rand der Gesellschaft bewegende Hauptpersonen ihr Leben nicht selten unter der Guillotine aushauchen – die Erinnerungen an die Todeszelle, in der er lange Monate verbracht hatte, verfolgten Giovanni ein Leben lang.

‚Der zweite Atem‘ ist Giovannis bester Krimi. Er kreist um drei eindrucksvoll gestaltete Hauptfiguren: Gustave Minda, genannt Gu, ein müder, gealteter, im Milieu trotzdem noch immer hoch angesehener Gangster italienischer Herkunft, ein einsamer Wolf, der nach mehrjähriger Haft aus dem Gefängnis ausbricht und danach, als er sich in Paris nicht mehr zurechtfindet, in Marseille untertaucht, um noch einmal gross abzuräumen; seine alte Freundin und zeitweilige Geliebte Simone Dubreuil, genannt Manouche, eine grossherzige 40-jährige femme fatale mit feuerroten Haaren, die in Paris einen Nachtclub betreibt; und Gu Mindas kluger, mit allen Wassern gewaschener Gegenspieler Kommissar Blot.

José Giovanni, der die Alpen wie seine Westentasche kannte, lebte seit 1969 abgeschieden und zufrieden in dem Walliser Bergdorf Marécotte, in einem Chalet mit dem Namen ‚Le deuxième souffle‘. Er starb 80-jährig in einem Lausanner Krankenhaus an den Folgen einer Hirnblutung.

Bibliografie:

Gangster-Trilogie: ‚Le deuxième souffle‘ (ursprünglich unter dem Titel ‚Le règlement de comptes‘) – ‚Der zweite Atem‘ (1958), ‚Classe tous risques‘ – ‚Das Ende vor Augen‘ (1958), ‚L’excommunié‘ (auch unter dem Titel ‚La scoumoune‘) – ‚Der Gangster-Boss‘ (1958);

Einzelwerke: ‚Le trou‘ – ‚Das Loch‘ (1957), ‚Histoire de fou‘ (1959), ‚Les aventuriers‘ (1960), ‚Le haut-fer‘ (1962), ‚Ho!‘ (1964), ‚Meurtre au sommet‘ – ‚Aufstieg ohne Wiederkehr‘ (1964), ‚Les ruffians‘ – ‚Der Rammbock‘ (1969), ‚Mon ami le traître‘ (1977), ‚Le musher‘ – ‚Wettlauf mit dem Tod‘ (1978), ‚Les loups entre eux‘ – ‚Wölfe unter sich‘ (gemeinsam mit Jean Schmitt, 1982), ‚Un vengeur est passé‘ (1984), ‚Le tueur du dimanche‘ (1985), ‚Tu boufferas ta cocarde‘ (1987), ‚La mort du poisson rouge‘ (1996), ‚Le prince sans étoile‘ (1998), ‚Les chemins fauves‘ (1999), ‚Les gosses d’abord‘ (2001), ‚Comme un vol de vautours‘ (2003), ‚Le pardon du grand Nord‘ (2004).